Bd. I · Heft 03 · Mai 2026 Redaktion Lastenheft ·
Lastenheft Magazin für IT-/SAP-Beratung, Projektmanagement und Enterprise-Architektur DACH — I.III —
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SAP · Mai 2026

Die S/4HANA-Migration bis 2027/2030: Wie sich der DACH-SAP-Markt auf die Welle vorbereitet

Mit dem Wartungsende für SAP ERP 6.0 zum 31.12.2027 (Extended Maintenance bis 31.12.2030) verdichtet sich die größte Migrationswelle der DACH-SAP-Geschichte. Lastenheft sortiert die Lage zur Mitte 2026: Brownfield, Greenfield, Bluefield, RISE, GROW und der Fachkräfteengpass.

S/4HANA, am 1. Februar 2015 als Nachfolger des klassischen ERP angekündigt, ist mit Mitte 2026 nicht mehr neu, sondern in der mittleren Phase seines Lebenszyklus. Was in den frühen Jahren als optionale Modernisierung galt, sei nun, so SAP, ein verbindlicher Pfad: Die Mainstream-Wartung für SAP ERP 6.0 ende zum 31. Dezember 2027, die kostenpflichtige Extended Maintenance laufe bis zum 31. Dezember 2030. Danach könnten Kund:innen ihre R/3-Welt ohne Hersteller-Patches nur noch auf eigenes Risiko betreiben.

In der DACH-Region, in der laut Deutschsprachiger SAP-Anwendergruppe (DSAG, gegründet 1997) mehrere zehntausend Mandant:innen und Buchungskreise produktiv laufen, hat sich daraus 2024–2026 eine Migrationswelle geformt, die in Volumen und Dauer ohne historisches Vorbild sei. Lastenheft sortiert die Lage zur Mitte 2026.

Die drei klassischen Migrationspfade

In der Klassik unterscheide man drei Pfade. Beim Greenfield-Ansatz werde S/4HANA neu aufgesetzt, Daten nur selektiv migriert, Customizing weitgehend neu modelliert. Vorteil: ein sauberer Mandant, oft mit reduzierter Tabellen-Topologie und Fiori-First-UX. Nachteil: hoher Initial-Aufwand, Re-Implementierungs-Risiko, lange Parallelbetriebs-Phasen.

Beim Brownfield-Ansatz, in der SAP-Diktion „System Conversion”, werde der bestehende ECC-Mandant technisch nach S/4HANA konvertiert. Customizing, Stammdaten, historische Belege bleiben weitgehend erhalten. Vorteil: kürzere Time-to-Production, bekannte Prozessabläufe. Nachteil: Altlasten, Z-Code, BAdI-Erweiterungen und veraltete IDoc-Strecken werden mitgenommen — die fachliche Konsolidierung müsse parallel laufen.

Der Bluefield-Ansatz, populär durch SNP und einige Wettbewerber, kombiniere beide: selektive Datenmigration in ein vorbereitetes S/4HANA-System mit anpassbarer Buchungskreis- und Kostenrechnungskreis-Struktur. Er sei besonders bei Carve-outs, Fusionen und gewünschten Org-Neumodellierungen verbreitet.

RISE with SAP und GROW with SAP: Cloud-Angebot der Hersteller

Seit Januar 2021 (RISE) bzw. März 2023 (GROW) bündele SAP das Migrationsangebot in zwei Cloud-Verträgen. RISE adressiere bestehende ECC-Kund:innen mit Bedarf an einem privaten Single-Tenant-S/4HANA-Cloud-Betrieb plus Migrations- und Transformations-Leistungen. GROW richte sich an Neukund:innen und Mittelstand mit S/4HANA Public Cloud im Multi-Tenant-Modell.

Beobachter:innen sehen RISE 2024–2026 als zentrales Instrument der SAP-Cloud-Strategie. Die DSAG habe in mehreren Investitionsreports der Jahre 2023–2025 dokumentiert, dass RISE-Verträge zunehmend Standard werden, gleichzeitig aber Reibungspunkte bei Total Cost of Ownership, Hyperscaler-Wahl (Microsoft Azure, AWS, Google Cloud) und Performance-SLAs bestünden.

Status der DACH-Migrationswelle Mitte 2026

Eine belastbare Erhebung zum exakten Migrationsstand sei mit Stand 2026 schwer zu beziffern. DSAG-Befragungen aus 2024 und 2025 hätten gezeigt, dass sich ein erheblicher Anteil der DACH-Mandant:innen entweder in Vorbereitung, im Proof-of-Concept oder in der konkreten Konvertierungsphase befinde. Vollständig produktiv migriert sei zur Jahreshälfte 2026 nach Einschätzung von Marktbeobachter:innen erst eine Minderheit der großen ECC-Bestände.

Der Rest verteile sich auf drei Gruppen: Programme mit fester Cut-over-Planung für 2026/2027, Programme mit Cut-over-Planung 2028/2029 (häufig große Konzerne mit komplexen HCM/MM/SD/PP-Landschaften und mehreren hundert Schnittstellen) und eine kleinere Gruppe, die offen mit Extended Maintenance bis 2030 plane.

SAP Joule und die KI-Schicht: ergänzendes Versprechen, offener Reifegrad

Parallel zur Migrationswelle habe SAP mit Joule seit Ende 2023 einen unternehmenseigenen KI-Assistenten in S/4HANA und benachbarte Suiten integriert. Joule verspreche natürliche Sprache als Eingabe-Kanal, Konversationen rund um Geschäftsobjekte und einen wachsenden Katalog an Agent-Skills. In der DACH-Anwendungspraxis seien Joule-Funktionen Mitte 2026 in vielen Häusern noch im Pilot-Stadium. Die DSAG habe in ihren Befragungen 2025 dokumentiert, dass die Erwartungen an Joule hoch, die produktiven Anwendungsfälle aber noch in einer ersten Generation seien.

Daraus ergebe sich eine taktische Frage für die Konversions-Programme: Wann sei der richtige Zeitpunkt, Joule und verwandte KI-Funktionen mitzudenken? Eine Schule warte das Migrations-Go-Live ab und plane KI-Themen als Folge-Phase; eine andere Schule integriere KI-Use-Cases bereits in die Konversions-Roadmap, um Doppel-Aufwände bei Daten-Aufbereitung und Berechtigungs-Konzept zu vermeiden.

Selective Data Transition: der wachsende Mittelweg

Neben den klassischen drei Pfaden habe sich seit etwa 2020 ein vierter Pfad als Mittelweg etabliert: die Selective Data Transition in mehreren Geschmacksrichtungen. Selektive Datenmigration unterscheide sich vom reinen Brownfield durch die Möglichkeit, ausgewählte Buchungskreise, Werke oder Geschäftsbereiche neu zu modellieren, und vom reinen Greenfield durch die Mitnahme historischer Belege und Bewegungsdaten — typischerweise drei bis sieben Jahre rückwirkend.

Für viele DACH-Konzerne mit komplexen Konzern-Strukturen sei dieser Pfad strategisch attraktiv geworden. Er gestatte etwa die Bereinigung historisch gewachsener Kontenrahmen, ohne dabei eine vollständige Neueinführung in Kauf nehmen zu müssen. SAP selbst habe diesen Pfad seit etwa 2022 mit dem Software Update Manager in der Variante DMO mit System Move offiziell unterstützt; ergänzend boten Drittanbieter wie SNP, Cbs Corporate Business Solutions und Datavard / Syniti spezialisierte Werkzeuge an.

Engpass im Fachkräftemarkt

Mit der Welle wachse der Bedarf an erfahrenen S/4HANA-Berater:innen — insbesondere in FICO, MM/SD, HCM (bzw. SuccessFactors-Migration), in ABAP-OO und in Integrations-Themen rund um BTP, CPI und API-Management. Mehrere Marktbeobachter:innen, darunter Lünendonk und die BITKOM (gegründet 1999), hätten 2024–2025 vom strukturell knappen Angebot an SAP-Senior-Profilen berichtet. Tagessätze für Senior-Architekt:innen mit echten S/4HANA-Conversion-Erfahrungen lägen Mitte 2026 in DACH häufig im oberen vierstelligen Bereich.

Daraus ergebe sich ein Nebeneffekt, der für die Magazinleser:innen interessant sei: Die Welle treibe die Konsolidierung der Beratungslandschaft. Große integrierte Häuser bauten ihre S/4HANA-Practices aus, mittelständische Boutiquen mit klarer Funktionsspezialisierung (etwa öffentliche Verwaltung, Energieversorger, Pharma, Automotive-Tier-1) seien gefragt wie nie. Klein-Beratungen ohne Senior-Schicht spürten den Druck am stärksten.

Customizing-Schulden und das „Clean Core”-Paradigma

Parallel zur Migration habe SAP das Leitbild des Clean Core etabliert. Die Idee: Erweiterungen nicht mehr in den S/4HANA-Kern programmieren (klassisches In-System-Customizing mit Z-Tabellen und Modifikationen), sondern in eine separate Schicht auf der Business Technology Platform (BTP) auslagern. Dort lebten dann ABAP-Cloud, CAP-Anwendungen und Build-Process-Automation-Flows. Der Kern bleibe upgradefähig, die fachlichen Erweiterungen blieben isoliert.

Für viele DACH-Mandant:innen sei das eine kulturelle Veränderung. Jahrzehntelang sei der Eigenbau im Kern Normalität gewesen. Die Migrationswelle zwinge nun zur Bestandsaufnahme: Welche Z-Programme seien wirklich noch fachlich notwendig, welche replizierten lediglich Standard, welche könnten auf BTP überführt werden, welche entfallen ganz?

Datenqualität, Customs Data und die FICO-Lupe

Ein weiterer Schwerpunkt der Welle liege auf Stammdaten. Material-, Lieferanten-, Kund:innen-, Konten- und Kostenstellenstämme zeigten in jahrzehntealten ECC-Mandant:innen häufig Duplikate, inkonsistente Klassifizierungen und veraltete Steuerkennzeichen. S/4HANA mit dem Universal Journal (Tabelle ACDOCA, eingeführt 2015) verlange eine konsistentere Sicht. FICO-Migrationen seien daher selten reine Technik-Projekte, sondern in der Praxis häufig Reorganisations-Projekte des Rechnungswesens — inklusive Anpassung von Konzernkontenrahmen, Kostenrechnungskreis-Strukturen und Profit-Center-Hierarchien.

Berechtigungs-Konzept: das stille Schlüsselthema

Eine in der Konversions-Diskussion oft unterschätzte Disziplin sei das Berechtigungskonzept. S/4HANA habe die klassische Berechtigungs-Architektur aus PFCG-Rollen, Sammelrollen und Berechtigungs-Objekten beibehalten, jedoch zahlreiche neue Berechtigungs-Objekte eingeführt und einige alte mit veränderter Semantik versehen. Wer bei der Konversion das Rollen-Werk unverändert mitnehme, riskiere Über- und Unter-Berechtigungen.

In der Praxis zeige sich Mitte 2026, dass viele Programme die Rollen-Welt erst nach dem Go-Live grundlegend aufräumten — getrieben durch Audit-Befunde der Wirtschaftsprüfer:innen, durch interne Revisions-Feststellungen oder durch DSGVO-Auskunftsbegehren der Beschäftigten. Ein konsolidiertes Rollen-Konzept, das Funktionstrennung (Segregation of Duties) konsequent umsetzt, sei aufwändig, werde aber zunehmend als Standard erwartet.

Tabellen-Reorganisation: das Universal Journal als Herzstück

Eines der unterschätzten Kapitel jeder Konversion sei die tiefgreifende Tabellen-Reorganisation. S/4HANA habe die klassischen FI- und CO-Tabellen — BSEG, BKPF, BSAS, COEP, COBK und Dutzende weiterer — zugunsten der Tabelle ACDOCA, des Universal Journal, vereinheitlicht. Wer früher in CO und FI getrennte Buchungsspuren geführt habe, lebe nun mit einer einzigen Belegzeile, die FI-Konto, CO-Objekt, Profit-Center, Kostenstelle, Auftragsnummer und Material-Bewegungsdaten in einer Zeile vereine.

Für die Berichtswelt habe das doppelte Konsequenzen. Einerseits seien viele Auswertungen, die früher mehrere Tabellen-Joins benötigt hätten, nun aus einer Tabelle bedienbar — schneller und konsistenter. Andererseits müssten alle bestehenden Z-Reports, Auswertungs-Programme und externen BI-Schnittstellen geprüft und häufig umgebaut werden. Die Praxis zeige Mitte 2026, dass die Schnittstellen-Inventarisierung — IDoc-, BAPI-, OData-, REST-Strecken — in vielen Programmen unterschätzt worden sei und nachträglich Kapazitäten binde.

Fiori, Embedded Analytics und das veränderte UX-Versprechen

Mit S/4HANA habe SAP das Fiori-UX-Versprechen abgegeben: kachelbasiert, rollenorientiert, browserfähig. In der Praxis sei das Fiori-Erlebnis Mitte 2026 reifer als in den ersten Jahren, aber weiterhin ein zweischneidiges Thema. Power-User:innen aus dem klassischen SAP GUI nutzten weiter die Transaktionswelt, weil sie schneller und vertrauter sei. Fachanwender:innen ohne SAP-Geschichte begrüßten die Fiori-Oberflächen. Eine vollständige Ablösung des GUI sei mit Stand 2026 selten umgesetzt; in der Realität laufen GUI und Fiori parallel.

Embedded Analytics — direkt auf der HANA-Datenbank ohne Datenkopie auswertbare Berichte — gelte als technisch elegant, fordere jedoch ein neues Berechtigungs- und Performance-Konzept. Programme, die diesen Hebel ernst nähmen, würden ihre BW-Welt teilweise zurückbauen; Programme, die ihn nicht nutzten, hielten die klassische BW/4HANA-Architektur als getrennte Schicht.

Ausblick: 2027 als Wendepunkt, 2030 als harte Linie

Die Welle dürfte 2026 und 2027 ihren Höhepunkt erreichen. Wer den Mainstream-Stichtag 31. Dezember 2027 nicht erreiche, plane Extended Maintenance bis 2030. Danach werde die Klassik enden. SAP habe wiederholt erklärt, eine weitere Verlängerung sei nicht vorgesehen.

Für die DACH-IT-Dienstleistungs-Welt bedeute das: Die nächsten 18 bis 36 Monate sähen eine seltene Konstellation aus hohem Migrationsdruck, knappen Senior-Kapazitäten und gleichzeitiger Konsolidierung des Marktes. Strategisch interessant sei dabei, was nach der Welle komme. Wenn 2031 die Mehrheit der DACH-Mandant:innen auf S/4HANA produktiv sei, verschiebe sich die Wertschöpfung der SAP-Beratungspraxis von der Konversion zur Weiterentwicklung — BTP-Erweiterungen, KI-Use-Cases um Joule, kontinuierliche Optimierungen im Clean-Core-Paradigma. Die Beratungshäuser, die sich darauf einstellten, dürften die Phase nach 2030 anders bestreiten als jene, die ausschließlich auf Konversions-Kapazitäten gesetzt hätten.

Die Beobachtung dieses Übergangs werde ein wiederkehrendes Thema in Lastenheft sein. Im Quartals-Rhythmus berichten wir über DSAG-Zahlen, Wartungsfristen-Politik, Public-Cloud-Anteile und die Konsolidierungs-Dynamik der DACH-SAP-Beratungslandschaft.


Ressort: SAP